Munition, oder besser ein Munitionsvergleich gibt wertvolle Aufschlüsse über die chemischen Prozesse bei der Zündung.

Munitionsvergleich

Mit der Frage nach meiner persönlichen Zufriedenheit mit dem 9×19 mm Kaliber im TopShot-Karton kam neulich ein Herr aus Vorarlberg auf mich zu. Obwohl die FMJ-Varianten im TopShot- und im S&B-Päckchen als ein und dasselbe bekannt sind, soll der Hochschlag der TopShot-Ausführung, so sein Empfinden, stärker ausfallen. Ein Munitionsvergleich muss her. So habe ich mich, gemeinsam mit meinem Kunden Ahat im Schießtraining, einem ersten Munitionsvergleich gewidmet. Auch danach habe ich mit Unterstützung aus privatem Umfeld noch Nachforschungen angestellt. Detektivische Neugier bringt so manche Erkenntnisse: Nicht immer ist dasselbe drin, nur weil dasselbe draufsteht.

Wer seine Munition auf Herz und Nieren überprüfen will, kommt um einen Munitionsvergleich nicht herum.

Die heutige Themen:

  1. Das C. I. P. auf Waffe & Munition
  2. Wer oder was ist die C. I. P.?
  3. Die Erprobung von Waffe & Munition
  4. Was prüft die C. I. P. und was nicht?
  5. Was die C. I. P. für die Praxis aussagt

Das Wichtigste zuerst: die Munition

Für unseren Munitionsvergleich ziehen wir konkret die folgenden Erzeugnisse heran:

Beide Munitionssorten stammen aus dem Hause Sellier & Bellot. Augenscheinlich ist in beiden Packungen dasselbe Produkt enthalten: Patronen im Kaliber 9×19 mm mit einem 8 g schweren Vollmantelgeschoss (124 grs = ~ 8,04 g). Soweit so gut.

FRAGE 1:
Sind TopShot-Patronen spürbar kräftiger?


Praxistest: Munitionsvergleich am Schießstand

Samstag, 22. Februar 2025, 11:00 Uhr vormittags.
Ahat und ich finden uns am Faustfeuerwaffenstand des Shootingpark Leobersdorf ein. Ich hatte ihm den Munitionstest im ohnehin geplanten Training vorgeschlagen, da er das Schießen mit Kurzwaffen von der Pike auf bei und mit mir gelernt hat. Er würde also die höchstwahrscheinlich die selben schießtechnischen Fertigkeiten anwenden wie ich auch.

Mit dabei sind eine Glock 17 Gen 5 aus dem DMS-Leihwaffensortiment und die beiden Packungen á 50 Schuss des berühmten 9×19 mm Kalibers. Einmal in schwarz-gelbem TopShot-Jäckchen, einmal in der Schwarz und Gold gehaltenen S&B-Verpackung.

Aufwärmrunde vor dem Munitionsvergleich

Zunächst darf Ahat im Rahmen seines Trainings ein paar Runden schießen. Er startet abwechselnd mit 2 Schuss TopShot – 2 Schuss S&B – 2 Schuss TopShot – 2 Schuss S&B. Die Erkenntnis: Es gibt keinen spürbaren Unterschied zwischen den beiden Patronen. Beide Varianten laufen in der Glock 17 Gen 5 gefühlt gleichmäßig und störungsfrei. Gen Ende der Trainingseinheit gebe ich selbst einige Vergleichsschüsse ab und kann ebenfalls keinen spürbaren Unterschied feststellen.

Die erste Frage aus dem Ländle wäre damit beantwortet. Eigentlich.

ABER:
Sowohl Ahat als auch ich erzielen mit ausnahmslos jeder (auch mehrschüssigen) TopShot-Serie einen deutlich größeren Streukreis auf dieselbe Schussdistanz. Mein Forschergeist erwacht, denn wenn zwei Schützen mit der weitgehend selben Schießtechnik mit derselben Munitionspackung größere Streukreise produzieren, als mit der anderen – dann wird es wohl doch irgendwo einen Unterschied geben.

FRAGE 2:
Wo?

Ein Blick auf das Exterieur

Äußerlich ist keine Abweichung zu erkennen, weder an den Maßen noch an Form oder Material des Geschossmantels. Auch die Setztiefe der Zündhütchen lässt keinen Verdacht aufkommen, denn der Hülsenhals sitzt bei allen Patronen augenscheinlich gleich fest und ist nicht etwa bei einer Patrone fester an das Geschoss angepresst als bei anderen.

Einzig der Stempel am Hülsenboden unterscheidet sich von der TopShot (TSC) zur Sellier & Bellot (S&B), jedoch hat dies keinen Einfluss auf die chemisch-physikalischen Prozesse bei der Schussabgabe – und somit weder auf den Rückstoß noch auf den Hochschlag. Die nächste Aufgabe lautet also: Einen Blick ins Innere werfen, denn …

Auf die inneren Werte kommt es an

Roman, erfahrener Wiederlader nimmt sich dieser Aufgabe an. Auf mein Bitten entnimmt er aus zwei Patronen je Packung das Treibmittel. Und dann, plötzlich: die ersten Auffälligkeiten. Und es sind gleich drei:

  • Das Pulver der S&B-Patrone ist deutlich grobkörniger.
  • Die einzelnen Stückchen der Treibladung sind anders geformt.
  • In der S&B-Ausführung ist mehr Treibmittel enthalten als in der TopShot-Patrone.

Exkurs: Der Zündvorgang & chemische Prozesse in der Patrone

Bei der Schussabgabe wird das Treibmittel im Inneren der Patrone angezündet. Durch die Verbrennung des Treibmittels entsteht ein Gasdruck. Wenn in zwei Hülsen derselben Dimension unterschiedlich viel bzw. wenig Pulver enthalten ist, hat der entstehende Gasdruck unterschiedlich viel bzw. wenig Platz, um sich auszubreiten. Er braucht entsprechend länger oder weniger lang dafür.

Ist der Hohlraum in der Hülse ausgefüllt und der Druck steigt weiter, trennt sich das Geschoss von der Hülse und wird durch den Lauf der Waffe gepresst. Dieser spezifische Gasdruck, der das Geschoss von der Hülse trennt, wäre bei identischem Abbrandverhalten der Pulver in der S&B-Patrone früher/schneller (weniger Hohlraum ausfüllen geht schneller) und in der TopShot-Patrone später/langsamer (mehr Hohlraum ausfüllen dauert länger) erreicht.

Thermochemie in der 9×19 mm Patrone

Unterscheidet sich dieses Abbrandverhalten, indem das S&B-Pulver langsamer brennt und das TopShot-Pulver schneller, gleicht sich der Weg-Zeit-Faktor aus. Der spezifische Gasdruck wäre trotz des unterschiedlichen (auszufüllenden) Hülsenvolumens in der mehr oder weniger selben Zeit erreichen.

Ebenfalls je nach Abbrandverhalten kann dabei durchaus eine nahezu identische Mündungsenergie (E0) entstehen. Eine nahezu identische E0 ist Grund genug, dass beim Schießen aus derselben Waffe trotz unterschiedlicher Pulver(menge) und unterschiedlichen Abbrandverhaltens kein stärkerer Hochschlag oder Rückstoß wahrnehmbar ist, sich aber trotzdem das ballistische Verhalten des Geschosses im Flug ändert. Damit ist ein größerer oder eben kleinerer Streukreis auf der Zielscheibe zu sehen.

Die E0 ist allerdings (unter anderem) stark abhängig vom Gasdruck im Inneren der Patrone. Der Gasdruck wiederum ist abhängig von der Temperaturentwicklung während des Abbrennens des Pulvers. Je wärmer es in der Patrone wird, desto weiter breiten sich Gase im verfügbaren Raum aus und desto höher steigt der Gasdruck in diesem Raum. Und je höher der Gasdruck, desto stärker die E0.

FRAGE 3:
Wie identisch ist die Mündungsenergie in diesem Munitionsvergleich?


Daten aus dem Munitionsvergleich

Zahlen und Messwerte sprechen bei einem Munitionsvergleich eine andere Sprache als das Auge allein. Um zu eruieren, ob denn nun Hochschlag und/oder Rückstoß der 9×19 mm Patronen technisch-physikalisch voneinander abweichen, hat Roman – verbindlichsten Dank für die tatkräftige Unterstützung – sich eines Chronografen bedient. Und mir erste Daten zur Auswertung zur Verfügung gestellt:

Mündungsgeschwindigkeit (V0)

Die durchschnittliche Mündungsgeschwindigkeit V0 ist, gemessen an 5 S&B-Patronen (ø 360,1 m/s) und 3 TopShot-Patronen (361,0 m/s) nicht vollkommen identisch. TopShot-Patronen haben im Schnitt eine höhere Mündungsgeschwindigkeit. Auch sie ist ein Resultat des Gasdrucks. Je höher der Gasdruck, desto höher die V0. Sehen wir uns anstatt des Durchschnitts aber die Werte einzelner Schüsse an, gehen Höchst- und Tiefstgeschwindigkeiten schon etwas deutlicher auseinander:

Der langsamste S&B-Schuss hat 357,1 m/s und der langsamste TopShot-Schuss 359,3 m/s. Wieder ist TopShot schneller.

Der schnellste S&B-Schuss liegt jedoch bei 363,4 m/s und der schnellste TopShot-Schuss bei 362,2 m/s. Hier ist TopShot also langsamer.

Mündungsenergie (E0)

Mit der Mündungsenergie, deren Wert ebenfalls maßgeblich durch den Gasdruck bestimmt wird, verhält es sich genauso:

Während die niedrigste S&B-Messung bei 512,4 Joule liegt, übermittelt die niedrigste TopShot-Messung 518,6 Joule. TopShot ist stärker.

Die höchste S&B-Messung beträgt 530,4 Joule, die höchste TopShot-Messung 527,1 Joule. TopShot ist schwächer. Ergo: 

Gemessen an den langsamsten und schwächsten Patronen ist TopShot schneller und stärker. 

Gemessen an den schnellsten und stärksten Patronen ist S&B schneller und stärker.

In km/h gesprochen: Die Differenz zwischen der langsamsten S&B- und der langsamsten TopShot-Patrone in diesem Munitionsvergleich beträgt umgerechnet rd. 7,9 km/h. Die Differenz zwischen den jeweils schnellsten Patronen liegt bei rd. 4,3 km/h. Je leichtgewichtiger die Pistole und der Schütze sind, desto eher (tendenziell) kann davon ausgegangen werden, dass ein Unterschied beim Schießen wahrgenommen werden kann. Allerdings wohl nur dann, wenn zufällig genau jene Vergleichspatronen aufeinanderfolgen, die die größte Wertedifferenz aufweisen.

Nun weist die Kunst der physikalischen Chemie, der wir uns hier gewidmet haben, eine Imbalance auf, die sich Unequal Sample Size Bias nennt. Eine Verzerrung der Ergebnisse durch ungleiche Stichprobengröße. Die Durchschnittswerte von Sellier & Bellot wurden in dieser statistischen Erfassung nämlich aus 5 Schüssen errechnet und jene von TopShot aus 3 Schüssen.


FAQ zum Munitionsvergleich

Macht es bei einem Wettkampf Sinn, die beiden Munitionstypen zu mischen?

anhand der hier verglichenen Munitionstypen: ja und nein. Das hängt ab von der Schießdisziplin und den Kompromissen, die Sie einzugehen bereit sind. Beim IPSC-Schießen kann ein größerer Streukreis durchaus hingenommen werden, da es hier weniger um absolute Präzision, als vielmehr um Präzision kombiniert Schnelligkeit geht. Alpha-Treffer sind Alpha-Treffer – egal ob zentral oder oben/unten oder links/rechts. In reinen Präzisionsdisziplinen wäre die Durchmischung der beiden Munitionstypen eher von Nachteil, da sie eine unvorhersehbare Ausdehnung des Streukreises verursacht.

Wieso weisen die unterschiedlichen Pulversorten nicht dasselbe Brandverhalten auf?

Wie schnell oder langsam, gleichmäßig oder ungleichmäßig eine Pulversorte verbrennt, hängt einerseits von ihrer chemischen Zusammensetzung, andererseits von der Form einzelner Pulverstückchen ab.

Für die Schnelligkeit des Abbrandes ist insbes. die chemische Zusammensetzung verantwortlich. Je mehr leicht brennbare chemische Elemente (Nitrocellulose, Nitroglycerin oder Nitroguanidin, je nach Sorte) enthalten sind, desto schneller verbrennt es; je mehr schlecht brennbare Elemente (z. B. Stabilisatoren oder phlegmatisierungsmittel) vorhanden sind, desto langsamer.

Für die Gleichmäßigkeit des Abbrandes und die Menge an unverbrannten Rückständen, die nach dem Schuss übrig bleibt, ist zusätzlich zur Zusammensetzung auch die Form der Pulverstückchen maßgeblich. Es gibt zylindrische Pulverstückchen mit einem Loch in der Mitte, ähnlich einer Macaroni. Diese verbrennen besonders gleichmäßig und hinterlassen wenig Schmauch, da die Flammen das Stückchen von außen nach innen und gleichzeitig von innen nach außen abbrennen. Bei Pulverstückchen ohne Loch in der Mitte, wirken die flammen nur oberflächlich, also nur von außen nach innen.

Warum variiert der Streukreis trotz des identischen Geschossgewichts von 8,0 g?

Weil das Endergebnis der Präzision bereits durch die Gleichmäßigkeit der Innenballistik entsteht:

Wenn TopShot eine höhere Schwankungsbreite bei der Mündungsenergie aufweist, ändert sich bei jedem Schuss die Abgangsballistik geringfügig. Gleichzeitig ist diese Schwankung im Abgangsmoment auch ein schweres Indiz für Unregelmäßigkeiten bei innenballistischen Vorgängen. Selbst bei identischem Geschoss führen diese Druckunterschiede im Inneren zu minimal unterschiedlichen Rotationsgeschwindigkeiten im Lauf (Drallstabilität), was auf 25 Meter den Streukreis technisch messbar vergrößert.